am Sonntag, 29.6.25
Per Fahrgemeinschaften kamen zwölf Naturfreund*innen am Oberlauf des Neckars in dem recht engen Tal unterhalb der historischen Rottweiler Innenstadt an. Es war um 11 Uhr schon ziemlich heiß, als uns der sehr gut vorbereitete TouristGuide der Rottweiler Touristinfo am ehemaligen Kraftwerk empfing. An diesem imposanten Bauwerk (erbaut 1915/1916) mit zwei hohen Industriekaminen startete die fast zweistündige Führung durch das historische Industriegelände. Die meisten der jetzt noch bestehenden Gebäude entstanden zwischen 1907 und 1916. Einige der sehr massiv erbauten Gebäude wurden in den 60er Jahren unter Denkmalschutz gestellt.
Obwohl dem Zweck nach ein Funktionsbau zur Stromerzeugung, wurde beim Bau der Fassade des riesigen Kohle-Dampfkraftwerks sehr viel Wert auf repräsentatives Auftreten gelegt. Man kann auch heute noch deutlich erkennen, dass das renommierte Architekturbüro Bonatz, das auch den Stuttgarter Hautbahnhof gestaltete, bei der Planung federführend war. Heute ist das komplette Gebäude im Inneren als Hauptbüro einer großen Eventagentur (trendfactory) mit einem imposanten Veranstaltungssaal in eine neue Nutzung überführt.
Weiter ging es zur ehemaligen Pulverfabrik Duttenhofer.
Die historischen Wurzeln der Pulverherstellung im Neckartal reichen bis in das 15 Jahrhundert zurück. Der Flussabschnitt beheimatete acht verschiedene Mühlen, darunter auch drei Pulvermühlen. Im industriellen Maßstab begann die Pulverherstellung um 1850. Bereits damals schon war hier die größte Pulverfabrik im Königreich Württemberg. Ein weiterer Bedeutungsaufstieg für die militärische Nutzung gelang 1872 Max Duttenhofer, einem gelernter Apotheker, der die Fabrik früh aus dem Familienbesitz seiner Eltern erbte. Ihm gelang mit der Entwicklung des rauchlosen Schießpulvers ein monopolartiges Produkt. Duttenhofer verkehrte in den höchsten gesellschaftlichen und politischen Kreisen der damaligen Zeit. Er wurde geadelt und war in Aufsichtsräten mehrerer Firmen beteiligt. Er starb 1903 aber recht überraschend mit 60 Jahren aufgrund eines Anschlags in Tübingen (!). Die näheren Umstände wurden der Öffentlichkeit nicht mitgeteilt. Es gab aber Hinweise darauf, dass das Motiv Rache aus Eifersucht war.
Ein Bruder und ein Sohn führten die Geschäfte weiter. Längst war aus der ehemaligen Pulverfabrik eine international agierende Aktiengesellschaft geworden (Vereinigte Köln-Rottweiler-Pulverfabriken, die 1926 mit der IG Farbenindustrie AG (!) fusionierte. Mit der rasanten Expansion der Pulverproduktion und der Entwicklung zivil nutzbarer Produkte (Kunstseide, später Nylon) entstanden auch viele neue Produktionsgebäude, die oftmals nach außen repräsentativ (z. B. das Laboratorium, das Badhaus) wirkten und insgesamt sehr robust gebaut waren. In den Produktionshochzeiten (1. und 2. Weltkrieg) waren über 2000 Arbeiter auf dem Betriebsgelände beschäftigt. Die Arbeitsbedingungen für die Frauen und Männer in der Produktion waren durch Stäube, giftige Dämpfe und Salpetersäure sehr gesundheitsschädlich. Arbeitsunfälle waren an der Tagesordnung, sowie auch etliche schwere Explosionen. Das Betriebsgelände war ringsum durch einen doppelten Zaun gesichert, Zutritt zum Gelände hatten nur die Beschäftigten. Um etwas gesundheitliche Fürsorge zu erbringen, durften die Beschäftigten der Pulverfabrik auf Betriebskosten in einem extra „Badhaus“ baden, weibliche Personen 3,25 Bäder pro Monat, männliche Personen nur 1,5 Bäder pro Monat.
Nach dem 2. Weltkrieg wurden sämtliche militärische Produktionsanlagen abgebaut, außer den zivil nutzbaren Produktionsstätten, die Kunstseide und Viskose herstellten. Es entstanden nochmals neue Gebäude. Die Fa. Rhodia /Freiburg) stieg in die Produktion ein. Im Jahr 1970 zählte die Kunstseide/Nylonfabrik noch 1400 Beschäftigte.
Im Jahr 1994 zog sich die Rhodia AG auf den Standort in Freiburg zurück, in Rottweil wurde die Produktion eingestellt.
Jetzt stellte sich für die weitere Zukunft des Areals die Frage: Alles abreißen oder etwas Neues daraus machen? Man entschied sich für letzteres. Das Areal wurde unter dem neuen Begriff „Gewerbepark Neckartal“ beworben. Dank zweier sehr engagierter Rottweiler Schreinermeister (Holzmanufaktur Rottweil) und dem früheren Rhodia-Leiter blieben die meisten Gebäude erhalten und wurden neuen, meist handwerklichen/gewerblichen Zwecken überführt. Aber auch Gastronomie, Kulturveranstalter, Event-Räumlichkeiten, eine Außenstelle der Hochschule Furtwangen, die Polizei, Zimmereien, Kanzleien, ein Technik-Mitmachmuseum für Schüler und etliche Andere nutzen heute die alten Gebäude.
Nach der sehr interessanten Führung waren wir durch die hochsommerlichen Temperaturen reif für eine Stärkungs- und Erholungspause. Dazu begab man sich in den Biergarten der Traditionsgaststätte „Pflug“. Die Gaststätte besitzt übrigens einen sehr sehenswerten historischen Festsaal.
Bevor wir dann alle etwas müde, aber randvoll von Eindrücken die Heimfahrt antraten, schlenderte man noch durch die historische Innenstadt bzw. besuchte den neuen, weithin sichtbaren Thyssen- Testturm.
Bericht: Herbert Stemmler, Bilder: Ilona Haustein, Ludwig Sabel und Herbert Stemmler.














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